Die Deutschen sind jetzt Europameister

    Maria Irudayam bringt den Kölnern Fingerfertigkeit bei
     
     
    Maria Irudayam Maria Irudayam ist stolz auf seine "Kölner Carrom-Freunde". Und immerhin ist der Mann zweifacher Weltmeister dieser Sportart, die auf einem kleinen Holzbrett ausgeübt wird. Da ist der Ball zwar nicht rund, und das Spiel dauert auch nicht 90 Minuten oder mehr, sondern höchstens zehn - aber es schein uns Deutschen und vor allem uns Kölnern zur Zeit mehr zu liegen als der Fußball. Als am vorigen Sonntag in Berlin die Endspiele der Europameisterschaft im Carrom vorüber waren, da wurde Deutschland als zweifacher Champion gefeiert. Die Leistungsträger beim Mannschaftswettbewerb: Spieler der Kölner Carromvereinigung (KCV). Der Europameister im Einzel: Frank Kunisch vom KCV. Wenn das kein Trost ist - nach der Fußball-WM-Pleite in Frankreich und dem FC-Abstieg. Möglich wurde der Triumph nicht zuletzt durch die Entwicklungshilfe der Carrom-Cracks aus Indien und vor allem des Meisters: Maria Irudayam, der 1997 den Arjuna Award erhielt, die höchste Auszeichnung für indische Sportler.

    Gleich nach der Europameisterschaft, zu der er als Ehrengast geladen war, kam der 42jährige Angestellte bei den Indian-Airlines - der aber auch durch seine Carrom-Erfolge nicht geringe Einkünfte verbucht - mal wieder zu einem Kurzbesuch nach Köln. Mit einigen der Kölner Carrom-Spieler, wie alle in Deutschland noch reine Amateure, saß er eine ganze Nacht lang am Brett. "Von seiner Technik kann man immer wieder lernen", sagt Ingo Stankau vom KCV, gleichzeitig Vize des in Köln ansässigen Deutschen Carrom-Verbandes. Die Spielregeln klingen einfach: Auf einem 64 mal 64 Zentimeter großen Holzbrett müssen zwei Spieler ihre jeweils neun eigenen Spielscheiben und eine, um die sich beide streiten, in eines der vier Löcher am Spielfeldrand versenken. In die richtige Richtung werden die Scheiben mit einem Schußstein bewegt, den der Spieler mit den Fingern anflitscht. Für jeden Zug bleiben nicht mehr als 15 Sekunden Zeit. Landet der anvisierte Spielstein nicht im Loch, ist der Gegner dran. Das erinnert an Billard. Und wie Irudayam zu wissen glaubt, wurde Carrom vor etwa 100 Jahren in Indien als Billard-Ersatz erfunden. "Die Engländer brachten das Billard nach Indien. Das Spiel gefiel dem Volk, doch die Ausrüstung war für die Menschen zu teuer. Da haben sie sich eine Arme-Leute-Version ausgedacht."

    Nichtsdestoweniger hält der Champ das Spiel - das in Asien für zigmillionen Menschen die liebste Freizeitbeschäftigung ist - für eine "große Herausforderung an jeden Menschen". Denn nicht nur Fingerfertigkeit, auch Phantasie sei gefragt: "Alle paar Sekunden ändert sich die Lage auf dem Brett. Und man muß so schnell wie möglich den richtigen Stoß erkennen und Ihn ausführen." Um an Asiaten, vor allem an die Inder heranzukommen, müßten sich die Europäer freilich noch steigern.

    An Irudayam soll es nicht liegen. Er hat vor lauter Übungspartien mit den Kölnern mal wieder "nichts von dieser schönen Stadt gesehen". Und für ein Spielchen draußen, "vielleicht mit Blick auf den Dom", stimmten die Bedingungen einfach nicht. "Dafür ist es hier zu kalt, das ist nicht gut für die Fingerarbeit."

    Peter Limbach/Bild: Rakoczy
    (Aus dem Kölner Stadt-Anzeiger - Nr. 157 - Freitag, 10. Juli 1998, Rubrik "Zu Gast in Köln")

     

    < zurück

     

    © 1999-2008 - Deutscher Carrom Verband