Die letzten Tage vor der Abreise nach Dehli habe ich täglich mit Arif telephoniert. Impfungen, Visa, Rupies, Flugtickets, Training, Officials, Kleiderordnung, Hotels, Boards & Boric ... hielten uns auf Trab.
Im Flieger dann Luxus. korrekter Service, konkrete Filme, Austrian Airlines. Die letzte feste Mahlzeit, Zwischenstop in Wien, die ersten Sikh gesehen. Gefühl wie auf einem Weltraumhafen, dann Ankunft in India/Delhi/Mahatma Ghandi International Airport.
Im Landeanflug legen wir uns genüßlich in unsere Sitze zurück und erwarten den Anblick Delhis, der sich uns gleich offenbaren müsste. Am nächtlichen Himmel sind die ersten schwachen Lichter erkennbar. Blaß und unwirklich erstrahlen sie aus einem grauen unförmigen Nebel. Zu unserem großen Erstaunen bleibt es bei diesen gelegentlichen Lichtern. Delhi selber liegt wie ein riesiger bedrohlicher grauer Kontinent aus Beton unter uns. Beim Anflug dann eine erste Ahnung der uns in Zukunft ständig umgebenden Gerüche: Es riecht plötzlich scharf nach einer Mischung aus Diesel, Petroleum und Stahl. Die Irritation wird um so größer, als die Stewardessen nach der erfolgten Landung beginnen, die Gänge des Airbus mit Pumpzerstäubern zu desinfizieren. Wie sich herausstellte, erfolgte dies aufgrund indischer Einreisebestimmungen. Eine erste Probe indischer Selbstironie, die wir natürlich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so recht zu schätzen wussten. Doch dies änderte sich schneller als wir dachten... .
Wir verlassen das Flugzeug und finden uns in einem Labyrinth von Gängen wieder, das uns schließlich in der Empfangshalle des Airports entlässt. An den niedrigen Decken sind Brandschlieren an den Neonröhren zu erkennen. Wir werden mit britischer Sorgfalt überprüft und dann in eine fremde, seltsame Welt entlassen, auf die wir so gut vorbereitet sind, wie ... .
Schwere Luft, schlechte Sicht, viel Lärm, leichte Orientierungslosigkeit. Am Flughafenausgang wartet jemand auf uns, und wir werden ins Hotel gebracht. Das Asian Guest House. Nach anfänglichem Rumoren, kracht es hier nun endgültig. Dirk und Ich finden uns wieder in einem sogenannten Kulturschock. Dieser äussert sich in dem starken Willen den Ort, an dem man sich derzeit befindet, möglichst umgehend und schnell zu verlassen. Diese Betten, dieses Bad, alles, der Hammer. Wir erweisen uns als sehr flexibel und anpassungsfähig.
Am nächsten Morgen sieht schon alles viel besser aus. Das Hotel ist eigentlich ganz in Ordnung, die Rezeption supernett und unkompliziert.
Zum Autoverkehr eine kleine Anmerkung: Man könnte fast meinen, die Inder sehen anders als andere Leute oder, und das scheint wahrscheinlicher, sie fahren mit ihren Autos so dicht aneinander vorbei, dass sich keine Aussenspiegel in der KFZ-Evolution behaupten konnten, und da sie keine Aussenspiegel haben sehen sie nur was vor Ihnen liegt, fahren aber immer mit Vollgas vollstoff überall rum, und das direkte Erliegen des gesamten Strassenverkehrs in einem einzigen riesigem Hero-Crash geschieht nur deshalb nicht, weil alle indischen Autofahrer in einer uns bisher noch verschlossen und unverständlich gebliebenen Kodierung ständig superlaut hupen. Das ganze Prinzip kennt man ja auch vom Schwarmverhalten von Vögeln oder Fischen, bei dem Tausende von Individuen wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt einen einzigen Organismus imitieren: Immer schön nach vorne und gelegentlich zur Seite schauen, den Abstand zum Nachbarn immer auf knapp zehn Zentimeter halten. Und vor allem: niemals bremsen.
Am nächsten Tag kommt Roman an und wir gehen mit den UK-Spielern essen. Unsere Resto-Wahl gefällt ihnen nicht. Wir unternehmen viel gemeinsam und trainieren auch zusammen. Vor allem Abdul Islam spielt sehr stark und kreativ. Wir machen einen kleinen Room-Fight mit ihm, bei welchem er zunächst drei Games verliert, dann aber so krass aufdreht, dass man glaubt, den personifizierten indischen Carrom-Warrior vor sich zu haben. Die Engländer sind viel lockerer als auf dem Eurocup in Italien. Am nächsten Tag werden wir von ihnen zum Mittagessen eingeladen. Krishan Sharma, Präsident UKCF und ICF, gebürtig in Indien, in Dehli studiert, zeigt uns seine Universität und erzählt Geschichten über Delhi und die indische Kultur.
Am nächsten Tag machen wir eine Sight-Seeing-Tour. Wir besuchen das Red-Fort, Sitz des letzten indischen Königs. Sehr beeindruckend und wahnsinnig monumental. Mit der Riksha geht es durch Old-Delhi. Die anfänglichen Eindrücke werden nochmals um ein vielfaches verstärkt. Ein undurchdringliches Wirrwarr aus Wellblech-Hütten, durchzogen von schmalen, dunklen Gassen. Alles ist voll von Menschen, Tieren, unzähligen Verkaufsständen, wo man auch hinguckt, alles ist neu, anders und faszinierend.
Arif und Ingo kommen an, wir bekommen ein zweites Carromboard, gehen gemeinsam Sakkos kaufen, was viel Spass macht. Arif muss oft zu Meetings und Besprechungen, wir intensivieren das Training und besuchen von nun an häufiger den in der Nachbarschaft gelegenen Carrom-Club. Kunisch/Besser/Böcker sind den älteren Spielern bekannte Namen. Grüsse!!! Unheimlich tolle Atmosphäre und sehr starke Spieler. Wir können mit voller Konzentration so grade mithalten. Ingo wird sofort Mitglied und spielt fast täglich im Club.
Billy aus den USA kommt uns besuchen. Ich sehe ihn zum ersten Mal. Er ist begeistert von unserem Luxus-Zimmer (ernsthaft); Selbst wohnt er im Sunny-Guest-House, welches er noch aus seinen Hippie-Zeiten kennt. Wir haben es leider verpasst ihn dort zu besuchen und einen Eindruck von dem indischen "Standard" zu bekommen. Billy kauft sich noch vor Turnierbeginn für wenig Geld ein altes Motorrad. Royal Enfield. Wunderschöne Maschine aus den 70er Jahren, die Konstruktion ist aber viel älter (Vorkrieg).
Das Team aus der Schweiz kann den Kulturschock nicht verarbeiten und wechselt direkt nach Ankunft im Asian Guest Hause das Hotel. Wir treffen die Schweizer Spieler dann ein paar mal vor Turnierbeginn im Carrom-Club, Carlito as usual eher streng, mit von der Partie auch Josef Meyer und Kurt Scherrer.
Vor dem Schlafengehen pflegen Dirk und ich auf der Dachterasse immer noch eine Zigarette oder Biri, das sind diese kleinen indischen Volkszigaretten, zu rauchen. Da treffen wir auch einen Bär von Inder auf dem Flur, es war zwei Uhr morgens, und der hatte seinen Turban auf und eine Unterhose an, war bestimmt zwei Meter gross und einen Meter breit. Und hat uns sofort ausgefragt, woher wir kämen usw. und erzählte dann, dass er Schiedsrichter, Umpire sei. Supercooler Typ. Auch sonst kamen zwischendurch immer irgendwelche Officials oder Schiries vorbei, zum spielen oder einfach nur so zum quatschen.
Bei einem Rundgang um den Connaught Place kommt Sebastian auf die Idee, einen der riesigen, ständig im Bau begriffenen Wolkenkratzer zu besteigen. Von oben eröffnet sich uns dann Delhi in seiner ganzen apokalyptischen, postnuklearen Pracht. Nahezu alle Gebäude, die wir sehen - und wir können mindestens dreissig Kilometer weit sehen - sind beschädigt oder zerfallen. Zumindest nagt der Zahn der Zeit hier an allem wie ein Tiger an einem Antilopenbein. Alles ist überzogen mit einer Schicht aus Rußpartikeln. Von den unzähligen Dachterassen gieren Satellitenschüsseln zum Himmel, während aus fast jedem Fenster eine betagte Klimaanlage nach draussen zu drängen scheint, um sich dann irgendwann mit einem ohrenbetäubenden Krachen in das Wirrwarr aus Motorrikschas, Lastwagen und Bussen zu stürzen. Über diesem Pandemonium aus Motorenlärm, Hupen, Fahrradklingeln und Stimmengewirr ziehen riesige Habichte zu Dutzenden ihre Kreise, um sich gelegentlich auf ein unvorsichtiges Eichhörnchen oder eine Ratte zu stürzen. Dies geschieht oft nahezu lautlos z.B. inmitten eines gutbesuchten Parks.
Check-Out Asian Guest House. Langsam geht mir die Pumpe. Es wird Ernst. Wir ziehen um in das Marina-Hotel. Ab jetzt: LUXUS-TOTAL. Empfang, Dinner, kurze Ansprachen. Wir treffen zum ersten mal alle Spieler und Officials. Es gibt heisse Duschen, TV, Zimmerservice und Pagen die einem alles abnehmen wollen. Die können auch anders, die Inder ....
In unserer Gruppe: Sri Lanka, Malediven, Malaysia, USA, Italien.
Wir verlieren gegen Malediven und Sri Lanka und können uns nicht für das Halbfinale qualifizieren.
| D - Malaysia | 2:1 |
| D - USA | 2:1 |
| D - Italy | 3:0 |
| D - Maldives | 0:3 |
| D - Sri Lanka | 0:3 |
Drei Matche pro Begegnung. Wir haben uns immer abgewechselt. Es gab einige interessante Begegnungen im Team-Event. Dirk hätte fast den Malediver geschlagen, Sebastian hat ein Game gegen den Sri Lanki geholt.
Dirk und Sebastian spielen gegen Bangladesh 09:25 und 00:25. Nach den zwei obligatorischen Trial-Boards sagte Dirk noch zu mir: "komm, Sebastian, das können wir packen". Wir haben zu vorsichtig gespielt und unsere "Agressivität" verloren. Es gab eine interessante Foul-Kette:
danach wusste keiner mehr, wer eigentlich spielen musste.
Die Bangladeshis kamen im übrigen mit einem ganz jungen aber sehr starken Team zur Weltmeisterschaft. Einer Ihrer Spieler hätte fast einen Inder im Single-Event aus dem Rennen gekickt. Superspannendes und hochgradiges Match. Sollten wir mal einladen.
Roman wurde vierter in seiner Gruppe. Verloren hat er gegen Nisham von den Malediven (2:1(!)), den Inder, Malaysia und gegen Paranjapi aus den USA. Er spielte nachher zusammen mit Sebastian in der Platzierungsrunde um die Plätze 25-32.
Special Infos
Korea, angereist mit einem Official und einem Spieler und Russland, nur ein Spieler, befreundet mit dem Josef Meyer aus der Schweiz, gehörten zu den Neulingen in dem Nationenspektrum. Superspannend waren die Matches zwischen den Sri Lankis und den Inder. Da war dann auch immer sehr viel Publikum und Emotionen im Spiel.
Die Bangladeshis sind mit einer ganz jungen Mannschaft vertreten und spielen ungeheuer stark. Dirk und ich hatten schon das Vergnügen gegen sie im Doppel anzutreten. Deren Top-Spieler hätte es fast geschafft, gegen einen Inder zu gewinnen. Superspannendes Game.
Der Schiri: "Foul", bricht das Board ab und der Inder bekommt 12 Punkte, da Fernando noch alle Steine draussen hat und die Spielsituation nicht mehr wiederhergestellt werden kann. Im Publikum Empörung, Schreie, Pfiffe. Fernando ist Sri Lankas Top-Spieler! Er soll den Titel holen oder zumindest in das Finale einziehen. Der Schiri lässt sich nicht beunruhigen, bleibt relativ cool, das Publikum wird aber immer wilder. Inder und SriLankis streiten sich lautstark ... der Oberschiri kommt von seiner Tribüne herunter. (Der Oberschiri kommt aus SriLanka.) Er redet ruhig und geduldig auf den Schiedsrichter ein, welcher das Spiel eigentlich schon längst fortsetzen will, dann Worte wie "as I do know the Laws of Carrom ... my decision is right ...". Ein Schrei von der Tribüne: "We do not want you to umpire this game anymore ..." (Scheint ein SriLanki gewesen zu sein.)
Das Spiel wird von dem Oberschiri unterbrochen. Arun, Babu, u.v.a. bilden dieses ominöse Gremium und im Ende bekommt der Schiri Recht, 12 Punkte ok., das Spiel wird fortgesetzt, Fernando verliert, und alle Träume der SriLankis auf einen Sieg oder Titel sind dahin.
mit Preisverleihung und wieder viele dolle Tänze. Der Super-Trash-Pop. Man hat seinen Spass daran. Am Abend gibt es dann noch einen Empfang, alles lockert sich ein bißchen auf, jetzt gibt es auch alkoholische Getränke, und es wird richtig witzig. Dirk, Roman und Ich brechen am nächsten morgen in aller Frühe nach Chandighar auf, der Großteil der Spieler unternimmt eine gemeinsame Fahrt nach Agra, um das TajMahal zu besichtigen.
Diverse Umstände führen zu Unzufriedenheit mit der Turnierleitung und -Organisation:
Lange Wartezeiten zwischen den Matches und mangelhafte Informationen über den weiteren Tagesablauf oder noch geplante Begegnungen und Spiele. Die Turnierleitung erwartete von den Spielern immer vor Ort und spielbereit zu sein. Es gibt keinerlei Transparenz oder Informationen über den Turnierablauf.
Eine Art Einführungs- oder Informationsveranstaltung über Ablauf und Ergebnisse der Auslosung der Begegnungen bleibt aus. Vor allem die Europäischen Teilnehmer sind dies nicht gewohnt und beschweren sich, allen voran Elisa Martinelli aus Italien. Darauf hin werden Listen mit den einzelnen Gruppen, Begegnungen und Zeitplänen ausgegeben. Überall stehen Computer herum, die Listen sind aber handgeschrieben und kopiert, eigenartig! Ein weiterer Grund welcher zu Unzufriedenheit führte war, dass man auf den Boards während der Spielpausen nicht trainieren durfte, In gewisser Weise scheint dies verständlich; Ruhe für die noch andauernden Games. Man konnte also nur im Hotel oder ganz früh morgens, vor Turnierbeginn, trainieren. Elisa hat dann ziemlich viel Krach gemacht und dann gab es auch einen Practice-Raum mit vier Boards, dies waren allerdings ohne Lampen und liefen völlig anders ...
Es war ein fantastisches Turnier. Nach der Europameisterschaft in Italien war ich schon sehr beeindruckt, aber eine Weltmeisterschaft ist nochmal heftiger. Man begegnet so vielen interessanten Menschen, Spielern ... .
Insgesamt wurden auf der WM 23 White- und 3 Black-Slams gespielt, das heftigste Break gelingt, wenn ich mich recht entsinne, einem Spieler aus Sri Lanka, in welchem er vier weiße und zwei schwarze Steine gleichzeitig versenkt.
Man kommt der Seele des Carromspiels, des Carromsports um einiges näher, befindet sich in Delhi vielleicht in seinem Centrum. Mehrfach wird darauf verwiesen das Spiel eines Tages zu einer olympischen Disziplin zu machen ...
Gut Schnipp, Sebastian Holtmann
(eMail: seho-1 [at]gmx.de)